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Sozialhilfe: ein Richtungswechsel gegen Resignation

Menschen, die seit längerem Sozialhilfe beziehen, resignieren ohne Aussicht auf Besserung. Unter dem Begriff «Richtungswechsel» hat die BFH einen Beratungsansatz getestet, der ihnen neue Perspektiven bringt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Menschen, die seit längerem Sozialhilfe beziehen, resignieren, wenn sie keine Perspektive auf Verbesserung ihrer Situation haben.
  • Die BFH testete einen neuen Beratungsansatz für Bezüger*innen von Sozialhilfe.
  • Im Zentrum stand eine vertiefte Auseinandersetzung mit der eigenen Situation.
  • Teilnehmende äusserten im Anschluss das Gefühl, mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben.
Warum hat die BFH das Forschungsprojekt «Richtungswechsel» durchgeführt?

Je länger eine Person Sozialhilfe bezieht, desto mehr schwinden ihre Chancen, ihr Auskommen aus eigenen Mitteln bestreiten zu können. Die damit verbundene Armut belastet die Menschen. In ihrer Gesamtheit können mangelnde Perspektiven dazu führen, dass diese Menschen resignieren. Zudem gab es in der Schweiz keine Unterstützungsangebote, um Personen, die über längere Zeit Sozialhilfe beanspruchen, gezielt zu unterstützen. Absicht des Forschungsprojekts war es, hierfür einen neuen Ansatz zu entwickeln.

Der neue Beratungsansatz verbesserte das Kompetenzerleben der Sozialhilfe-Bezüger*innen.
Wie sind die Forschenden vorgegangen?

Die Forschenden nutzten die Prinzipien des «Design Sprints», um den Ansatz zu entwickeln, wie langjährige Bezüger*innen von Sozialhilfe besser begleitet werden können. Bei der Projektmethode stehen die Bedürfnisse von Klient*innen und das laufende Verbessern der Situation im Zentrum. Die Forschenden nannten ihren Ansatz «Richtungswechsel». Diesen testeten sie in einem Experiment mit den Sozialdiensten dreier Städte und einer Gemeinde.


Dabei wurden die teilnehmenden Sozialhilfe-Bezüger*innen in zwei Gruppen aufgeteilt. Während drei bis vier Monaten wurde der einen Hälfte die herkömmliche Begleitung zuteil, die andere erhielt eine Beratung gemäss neuem Ansatz. Am Schluss prüften die Forschenden beispielsweise, wie sich die Erlebnisse der eigenen Kompetenzen, das Wohlbefinden und der Bezug der Sozialhilfe entwickelt hatten.

 

Zu welchen Ergebnissen ist die Studie gekommen?

Der neue Beratungsansatz verbesserte das Kompetenzerleben der Sozialhilfe-Bezüger*innen, das heisst, die Personen hatten das Gefühl, mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben. Auch waren sie weniger erschöpft.

Die Lebenszufriedenheit und der Bezug der Sozialhilfe entwickelten sich in beiden Gruppen ähnlich. Dies könnte daran liegen, dass sie vom Zustand wichtiger Lebensbereiche – zum Beispiel eine Arbeit haben – abhängen und diese sich am Ende der Beratung nicht verändert hatten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der neue Ansatz die Menschen befähigt, Herausforderungen im Leben anzugehen und dazu beiträgt, dass sie sich besser fühlen. 

 

Was ist anders beim «Richtungswechsel» als bei einer konventionellen Beratung?

Beim «Richtungswechsel» sollen die Bezüger*innen von Sozialhilfe Zukunftsszenarien für verschiedene Lebensbereiche wie Arbeit, Gesundheit oder Beziehungen entwerfen. Dadurch können sie sich intensiv mit ihrer persönlichen Situation auseinandersetzen und klären, was ihnen wichtig ist und was sie wie ändern möchten.

Diese Arbeit erfolgt in einem intensiveren Prozess mit mehr Beratungsterminen als bei einer konventionellen Unterstützung. Und nicht zuletzt begleitet sie eine andere Fachperson durch den Prozess, wodurch eine zusätzliche Dynamik entsteht.

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) hat den «Richtungswechsel» übernommen.
Welches war die grösste Herausforderung, die es zu überwinden galt?

Einzelne Sozialdienste zogen ihre Zusage vor dem Start des Projekts zurück, weshalb die Forschenden neue Organisationen suchen mussten. Ein Drittel der Teilnehmenden brach die Intervention ab, die Hälfte davon nach dem ersten Gespräch. Möglicherweise hatten sie andere Erwartungen oder die vertiefte Auseinandersetzung mit der eigenen Situation weckte bei ihnen zu grosse Ängste.

 

Welchen Nutzen hat das Projekt für die Gesellschaft?

Mit dem neuen Beratungsansatz verfügen die Sozialdienste in der Schweiz über ein Instrument, das ihnen ermöglicht, langjährige Klient*innen angemessen zu unterstützen. Wenn es Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind und in Armut leben, besser geht, profitieren nicht nur sie, sondern die ganze Gesellschaft. Der «Richtungswechsel» ist ein gutes Beispiel für eine sorgende Gesellschaft (Caring Society).

 

Wie ist es mit dem «Richtungswechsel» weitergegangen?

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) hat den «Richtungswechsel» übernommen und den Sozialdiensten in Form eines Webhandbuchs mit Arbeitsmaterialien zur Verfügung gestellt. Überdies bietet die SKOS für Fachpersonen Weiterbildungen zum Beratungsansatz an.

Mehr über das Projekt und den BFH-Experten dahinter

Das Projekt «Richtungswechsel» wurde von der Innosuisse, der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung, und der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe finanziell unterstützt.

Die Leitung des Projekts hatte Simon Steger inne. Er ist Co-Leiter der Abteilung Soziale Systeme sowie der Forschung im Departement Soziale Arbeit.

Sein Schwerpunkt liegt auf der Wirksamkeit und Vernetzung sozialer Organisationen. Dabei geht es um Analysen bei Kooperationen oder die Überprüfung von Strukturen, Leistungen und Wirkungen von sozialen Organisationen.

Dieser Artikel wurde als Erstpublikation auf bfh.ch veröffentlicht.

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